Die Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks 
1-12-2020, 11:58 UTC
Thema
 Autor:

Michael Barth, Deutschland
Liebes Radio Prag Team,
Auch in diesem Jahr möchte ich mich wieder am Wettbewerb beteiligen. Hier mein Beitrag:
Ein Ereignis aus der tschechischen Geschichte muss wohl fast zwangsläufig eine Jahreszahl haben, die auf 8 endet. Bei mir ist es aber weder das Jahr 1938, noch das Jahr 1968, welche beide im letzten Jahr in vielen Beiträgen sowohl in den tschechischen, als auch den deutschen Medien gewürdigt wurden. Das Ereignis, welches mich am meisten interessiert fand im Jahr 1618 statt: Der Prager Fenstersturz.
Um genauer zu sein: Der zweite Prager Fenstersturz, denn in der Hauptstadt Tschechiens haben schon mehrfach Personen Gebäude statt durch die Tür durch das Fenster verlassen. Im Jahr 1618 aber fand der Fenstersturz mit den weitreichendsten Konsequenzen statt.
Erstmals hörte ich vom Prager Fenstersturz im Geschichtsunterricht in der Schule. Da war es dann eher eine lustige Episode aus der Geschichte, in der 3 Katholiken aus dem Fenster flogen und auf dem Mist landeten, weil die in der Burg versammelten Protestanten mit der Politik unzufrieden waren. Einige Jahre später stand ich dann selbst an dem besagten Fenster der Prager Burg. Hörte man nun der Erklärung des Reiseführers zu, wurde diese geschichtliche Episode schon deutlich weniger erheiternd. Das es den bremsenden Misthaufen wohl eher nicht gab und der Fall doch recht tief war, spielte dabei weniger eine Rolle. Mir wurden nun erst die Folgen dieser Tat richtig bewußt. Der 30jährige Krieg als grausames Gemetzel, das in Mitteleuropa kaum einen Stein auf dem anderen ließ. Auch in der Nähe meines Heimatortes gibt es eine Stelle, an der einst ein Dorf stand, das im 30jährigen Krieg komplett zerstört und nie wiederaufgebaut wurde. Tod, Seuchen, Vertreibung-was kann es schlimmeres geben? Ein kleiner Funke, der also zum Flächenbrand wurde. Wie später die Emser Depesche oder der Mord von Sarajewo. Nur gab es 1618 weder Fotografien noch Zeitungen, die das Elend des Krieges verdeutlichen. Ganz Europa wurde 1618 in einen blutigen Religionskrieg gezogen, wie es ihn später in Europa zum Glück nie mehr gab. Diese Gedanken gingen mir dann durch den Kopf als ich ein zweites Mal am Hradschin stand und mir das Fenster von unten besah. Ich hatte mich mittlerweile intensiver mit der Geschichte Tschechiens und des 30jährigen Krieges beschäftigt; wußte nun, wer der Winterkönig war und welche Folgen die Schlacht am weißen Berg für die Protestanten in Böhmen hatte. Welche Rolle die Schweden spielten und wie es nach langen zähen Verhandlungen endlich zum westfälischen Frieden kam. Ein Frieden, bei dem weder Katholiken noch Protestanten viel gewonnen hatten. Ein Frieden bei dem sich Machtblöcke auch fern der Religion gebildet hatten und es nun ganz deutlich war, dass es nur um Macht und nicht um Religion ging bei diesem Krieg.
Den Fensterstürzern hat ihre Aktion persönlich wenig gebracht, sie wurden nach der Niederlage des Winterkönigs fast alle von den erstarkten Katholiken hingerichtet. Und so erscheint diese für mich ehemals lustige Episode aus der Schulzeit in einem anderen Licht.