Die Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks 
27-8-2014, 08:49 UTC
DER HEILIGE WENZEL
 

Der heilige Vaclav und seine Namensvetter

Katrin Bock

Der 28. September ist in Tschechien der St. Wenzel-Tag und seit sechs Jahren Feiertag. Im nun folgenden Kapitel aus der tschechischen Geschichte wirft Katrin Bock nicht nur einen Blick auf den heiligen Wenzel, sondern auch auf weitere Herrscher, die diesen Namen trugen bzw. tragen.

Vaclav - einige des Tschechischen nicht mächtige haben Probleme mit der Aussprache dieses Namens und sagen Vatschlav oder etwas Ähnliches. Dabei ist Vaclav einer der verbreitetsten Namen im Lande, genauer gesagt liegt er auf Platz 11 aller derzeit in Tschechien vorkommenden männlichen Vornamen. Die Liste führen übrigens Jiri, Josef und Jan an. Zu den jetzigen Modenamen gehört Vaclav allerdings nicht mehr - jedenfalls hat er es in den vergangenen Jahren nie unter die ersten 20 der beliebtesten Jungennamen bei Neugeborenen geschafft. Kleine Vaseks, so die Koseform des Namens, sind heutzutage also rar. Vaclav gehört zu den alten tschechischen Namen und bedeutet so viel wie "mehr des Ruhmes" -"vice slavny", ursprünglich lautete der Name Veceslav und als Wenceslav wird heute noch ein Vaclav im Englischen genannt. Ins Deutsche übersetzt lautet der Name Wenzel. Eines der bekanntesten englischen Weihnachtlieder ist das über den guten König Wenceslav, auch wenn der böhmische Heilige kein König, sondern nur Fürst war.

Doch nun zur Geschichte: Vaclav war der Enkel von Fürst Borivoj. Dieser war der erste getaufte böhmische Fürst, den kein geringer als der Slawenapostel Methodius um das Jahr 870 getauft hatte. Vaclavs Vater Vratislav starb als sein Sohn noch ein Kind war. Großmutter Ludmilla übernahm die Erziehung, bei der die christliche Lehre eine große Rolle spielte. Außerdem brachte sie dem kleinen Fürsten lesen und schreiben bei - Fähigkeiten, über die im 10. Jahrhundert nur wenige Herrscher verfügten. Wie sooft stritten auch damals Mutter und Schwiegermutter über die Erziehung des Kindes. Der Streit endete blutig: Vaclavs Mutter Drahomira ließ ihre Schwiegermutter Ludmilla am 16. September 921 ermorden. Ludmilla wurde bald heilig gesprochen und wurde somit die erste böhmische Heilige und Landespatronin. Ihr Enkel sollte ihr bald folgen.

Wahrscheinlich um das Jahr 924 übernahm Vaclav die Herrschaft über sein Fürstentum, das Prag und die umliegende Gegend umfasste. Darüber, ob er ein guter, starker oder schwacher Herrscher war, herrscht heute keine einhellige Meinung. Die einen stellen ihn als einen weisen, starken Herrscher dar, der wusste, wie er mit den mächtigen Nachbarn im Deutschen Reich zu verhandeln hatte, die anderen als einen schwachen, der sich am liebsten zum Gebet in die Kirche zurückzog. Als vor vier Jahren in Tschechien darüber diskutiert wurde, ob der Todestag des heiligen Vaclav ein Feiertag werden sollte, stritt man sich, ob der böhmische Fürst als Staatsgründer zu verehren oder aber als Kollaborateur zu verdammen sei. Im Jahre 928 soll sich Vaclav Heinrich von Sachsen kampflos unterworfen haben - eine Tat, die damals wie heute kritisiert wurde und wird.

Noch heute wird darüber spekuliert, ob diese Unterwerfung der Grund für seine Ermordung war. Man weiß zwar, dass Boleslav seinen großen Bruder Vaclav an einem 28. September umbrachte, doch heute noch ist unklar, ob dies im Jahre 929 oder 935 geschah. Ebensolche Unklarheit herrscht über das Tatmotiv.

Einige sind überzeugt, dass Boleslav seinen großen Bruder aus Patriotismus ermordete, weil dieser ihm zu schwach und den deutschen Fürsten gegenüber zu nachgiebig gewesen sei. Andere deuten den Mord als Reaktion auf die starke Religiosität Vaclavs, die ihn von seinen Regierungsgeschäften abgehalten haben soll, wieder andere vermuten hinter der Tat den Einfluss des Deutschen Reiches. Schließlich bleibt noch eine Erklärung: Vaclav wurde Opfer einer fast alltäglichen Erscheinung des Mittelalters: eines Machtkampfes innerhalb eines Herrschergeschlechts. Jüngere Brüder oder übersehene Neffen neigten dazu, sich übergangen zu fühlen und verhalfen sich selbst zur Macht, in dem sie den gerade Regierenden ermordeten. Bestraft wurden sie dafür in der Regel nicht.

Was auch immer das Motiv für diesen Brudermord war, es mag überraschen, dass ausgerechnet Boleslav sich für die Heiligsprechung seines Bruders einsetzte und dessen Gebeine in den Veitsdom in Prag überführen ließ. Ja, er setzte sogar alle seine diplomatischen Hebel in Bewegung und schaffte es vor seinem Tod 972, die Gründung des Prager Bistums zu erwirken. Kein anderer als der heilige Vaclav wurde zu dessen Patron ernannt. Überhaupt scheint die Karriere des heiligen Vaclav erst nach dessen Tod eingesetzt zu haben: schon zu Lebzeiten seines Mörders Boleslavs entstanden die ersten Heiligenlegenden. Diese verhalfen dem Geschlecht der Premysliden, zu dem Vaclav und Boleslav gehörten, zu einer außerordentlichen Stellung in Böhmen - welches andere Geschlecht konnte schon einen Heiligen vorweisen.

Wer weiß, wie die böhmische Geschichte weiter verlaufen wäre, hätte Boleslav seinen Bruder nicht ermordet - eines ist sicher: Boleslav war ein geschickter Herrscher, der es schaffte, die Unabhängigkeit Böhmens gegenüber dem Deutschen Reich zu bewahren und die führende Stellung seiner Familie in Böhmen zu festigen. Bis 1306 sollten die Premysliden noch in Böhmen herrschen, bis der letzte von ihnen, ein gewisser Vaclav ermordet wurde und somit das Geschlecht in männlicher Linie ausstarb - doch dazu später.

Um den hl. Vaclav bzw. Wenzel bildeten sich schnell Legenden. Bereits Ende des 10. Jahrhunderts wurde er als übermächtiger Herrscher betrachtet, der das Geschehen vom Himmel aus verfolgt und im Notfall eingreifen kann.

Im 14. Jahrhundert ließ König Karl IV. eine neue böhmische Königskrone anfertigen, die den Namen des Landespatrons erhielt: St. Wenzelskrone. Diese soll über übernatürliche Kräfte verfügen - wer sie sich unberechtigt aufsetzt, soll eines unnatürlichen Todes sterben.

Im 15. Jahrhundert sangen die Hussiten während ihrer Schlachten Lieder über den heiligen Vaclav.

Ende des 15. Jahrhunderts entstand die Legende, der zufolge der Fürst mit seinen Rittern verborgen im Berg Blanik bei Tabor schlummert. Wenn die Böhmischen Länder einer großen Gefahr ausgesetzt sind, soll er erwachen und sie beschützen. Bis jetzt ist dieses noch nicht passiert.

Erst rund 300 Jahre nach dem Tod des heiligen Vaclav wurde ein anderer Vaclav Herrscher in Böhmen. 1228 übernahm der Premyslide Vaclav die Herrschaft. Zu diesem Zeitpunkt waren die böhmischen Herrscher bereits Könige und König Vaclav I. regierte bis 1253. Während seiner Regierung musste Vaclav gegen die Mongolen kämpfen, die 1241 bis nach Mähren vordrangen. Dank seines beherzten Einsatzes gegen die Bedrohung stieg das Ansehen des böhmischen Königs in Europa. Gegen Ende seiner Herrschaft unterstützte Vaclav die deutsche Kolonisierung der Böhmischen Länder, der westliche und deutsche Einfluss nahm zu - zu den Gästen auf der Prager Burg zählten damals auch die bekanntesten deutschen Minnesänger, unter anderem Walther von der Vogelweide.

Nach der Herrschaft von Vaclavs Sohn Premysl Otakar II. folgte Vaclavs Enkel Vaclav II. auf dem Thron. Diesen musste er sich erst einmal erkämpfen, denn sein Vater, Premysl Otakar II, war gestorben als Vaclav sieben Jahre alt war. Erst 1297, 19 Jahre nach dem Tod seines Vaters, wurde Vaclav im Prager Veitsdom zum böhmischen König gekrönt. Während seiner Herrschaft wurde der so genannte Prager Groschen geprägt, eine der stabilsten Währungen jener Zeit. 1305 starb Vaclav II. im Alter von nur 34 Jahren. Sein Sohn, Vaclav III. war 16 Jahre alt. Bevor dieser sich so richtig den Regierungsgeschäften widmen konnte, wurde er 1306 ermordet. Damit starb das Geschlecht der Premysliden, das seit dem Jahre 850 in Böhmen geherrscht hatte, in männlicher Linie aus.

Der letzte böhmische Herrscher namens Vaclav war Vaclav IV., der Sohn Karls IV., der 1378 bis 1419 regierte. Wenig bekannt ist, dass auch Karl IV. auf den Namen Vaclav getauft worden war. Als er im Alter von sieben Jahren 1323 an den französischen Hof kam, wo er erzogen wurde, nahm der böhmische Thronfolger seinem Patenonkel, dem französischen König Karl, zuliebe den Namen Karl an. Da er sich in der Nachfolge Karls des Grossen sah, setzte er nach seiner Krönung zum deutschen König die IV. an seinen Namen und so wurde aus dem böhmischen König Vaclav Karl IV.

Auch seinen Sohn nannte Karl Vaclav - nach dem Landespatron und heiligen Vaclav. Doch dieser machte seinem Namen wenig Ehre. Vaclav IV. soll den Wein und die Frauen geliebt haben und die Regierungsgeschäfte vernachlässigt haben. Doch regierte er zu einer schwierigen Zeit, in der es zu religiösen Unruhen kam. In seine Regierungszeit fällt such die Verbrennung des Jan Hus auf dem Konzil zu Konstanz. Der Schlag soll König Vaclav getroffen haben, als er im Juli 1419 von der beginnenden Revolte der Hus-Anhänger hörte - drei Wochen später starb der letzte Vaclav auf dem böhmischen Thron.

Nach den Luxemburgern folgten die polnischen Jagiellonen und dann die Habsburger auf dem böhmischen Thron - kein Wunder also, dass es keinen weiteren König Vaclav mehr gab, denn dieser tschechische Name war wohl weder für die Polen noch für die Österreicher annehmbar. Auch wenn über Jahrhunderte kein führender Politiker mehr den Namen des ersten böhmischen Heiligen trug, gehörte Vaclav stets zu den weit verbreitetsten Namen. Heute tragen wohl die im Ausland bekanntesten tschechischen Politiker diesen Namen: Präsident Vaclav Klaus und Expräsident Vaclav Havel.