Die Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks 
17-10-2018, 12:28 UTC
Geschichte von Radio Prag
  Der Prager Frühling

Die zweite Hälfte der 60er Jahre wird als Tauwetterperiode, als Zeit der schrittweisen Liberalisierung bezeichnet. Ihre Repräsentanten waren z.T. kommunistische Politiker, vor allem aber die Medien. Auch im Tschechoslowakischen Rundfunk wehte damals ein Hauch der Reformation.

Die Redakteurin Olga Szántová "Die Atmosphäre war bestimmt freier", erinnert sich der Publizist Jirí Hanák, der in den 60er Jahren als Kommentator für Radio Prag gearbeitet hat. "Dies zeigte sich vor allem in den von der Zentralredaktion verfassten Texten. Durch diese konnte wirklich ein Bild der Tschechoslowakei vermittelt werden, das der Wirklichkeit entsprach. Das hat natürlich auch unsere außenpolitischen Kommentare beeinflusst." Auch Olga Szántová, die in den 60er Jahren als Redakteurin der amerikanischen Redaktion gearbeitet hat, hat ähnliche Erinnerungen: "Eine gewisse Lockerung war insbesondere bei den Berichten über die Tschechoslowakei zu spüren, die wir übernommen haben oder an andere Rundfunkstationen geschickt haben. Der russische Rundfunk hat sich 1968 sogar geweigert, unsere Programme auszustrahlen. Die Arbeit hat uns damals Spaß gemacht, sie war abwechslungsreich, man ging oft raus, fuhr irgendwo hin, um Reportagen zu machen. Man muss aber sagen, dass sich der Arbeitsstil nicht sehr geändert hat. Alle Texte mussten vom Redaktionschef genehmigt werden, dann wurden sie an Mitarbeiter der Hauptabteilung der Presseaufsicht geschickt. Dort erhielten sie einen Stempel. Manchmal war dies absurd, da die Leute oftmals keine Fremdsprachen beherrschten, aber ohne diesen Stempel durfte kein Text gesendet werden. Auch so funktionierte eine starke Selbstzensur. Wir wussten ziemlich genau, was wir uns erlauben konnten und was nicht. Die Zensur der Hauptabteilung wurde 1968 abgeschafft. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings mussten die Texte dann von den neu eingesetzten Redaktionschefs genehmigt werden. Das habe ich aber selbst nicht mehr lange miterlebt, da man mich kurz nach 1968 entlassen hat."

Beim Tschechoslowakischen Rundfunk, August 1968 In der Nacht zum 21. August 1968 beendeten Truppen der Warschauer Pakt-Staaten den Prager Frühling. Cecile Krízová, Redakteurin der amerikanischen Redaktion, erinnert sich an den Morgen des 21. Augusts: "Ich war eine der Glücklichen, die es damals geschafft haben, überhaupt in das Rundfunkgebäude hereinzukommen. In den Prager Straßen und auf Brücken standen Barrikaden. Ich sendete Nachrichten über den gewaltsamen Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen und gab das Wort an meinen französischen Kollegen weiter. Auf einmal öffneten sich die Studiotüren, ein verstaubter Soldat erschien, richtete ein Maschinengewehr auf mich und sagte: Raus! Ich erwiderte, dass ich sowieso gerade gehen wollte. So endete meine 19jährige Arbeit für Radio Prag. Ich hatte ein Interview mit der amerikanischen Schauspielerin Shirley Temple vorbereitet, das ich einen Tag zuvor aufgenommen hatte. Es wurde nie gesendet. Kurz darauf bin ich in die USA gefahren."

Im August 1968 wiederholten sich die Geschehnisse vom Mai 1945 fast identisch. Am frühen Morgen des 21. Augusts strahlte der Rundfunk eine Bekanntmachung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei aus, in der dieses den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei verurteilte. Vor dem Rundfunkgebäude versammelten sich immer mehr Bürger. Bei den anschließenden Gewalttätigkeiten starben acht Menschen. Noch heute erinnern kaputte Hausfassaden und Einschusslöcher in der Nähe des Funkhauses an das Wüten sowjetischer Soldaten. Um 8 Uhr morgens hatten russische Soldaten das Gebäude besetzt. Aus den Studios konnte nicht mehr gesendet werden, aber es gelang, aus einem Studio, das die Besatzer nicht fanden, auf Sendung zu gehen. Am folgenden Tag wurde nicht mehr aus dem Funkhaus, sondern einem anderen Gebäude gesendet. So konnte sich auch Radio Prag wieder melden. Das Programm bestand aus zehnminütigen Nachrichtensendungen in Tschechisch/Slowakisch, Englisch, Deutsch, Französisch und Spanisch. Bis zum 9. September wurde von einem geheimen Ort aus gesendet, dann verließen die sowjetischen Soldaten das Hauptgebäude und die Tätigkeit konnte in diesem wieder aufgenommen werden.


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