Die Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks 
31-5-2020, 11:12 UTC
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Kurzer Rückblick auf jene Geschehnisse, die dieser nicht nur tschechischen Geschichte vorausgegangen waren

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Mit dem 21. August 1968 wurde auf die bekannte brutale Weise einer ganzen Zeitspanne ein Ende gesetzt, die unter dem Namen "Prager Frühling" in die Geschichte eingegangen ist. Hier ist ein kurz Rückblick auf jene Geschehnisse, die dieser nicht nur tschechischen Geschichte vorausgegangen waren.
Die goldenen "Sixties", also sechziger Jahre, dieses Schlagwort bekommt man auch hierzulande dann und wann zu hören. Statt goldig ging es vielmehr ziemlich langsam voran - das Auftauen des Klimas in der durch die kommunistische Ideologie festgeschnürten Gesellschaft. Wie schon so oft in der Geschichte gaben auch diesmal junge Leute den Anstoss. Zu einem wiederholten Durchbruch der angestauten Emotionen kam es schon im Mai 1967, als in Prag und einigen anderen Universitätstädten des Landes das traditionelle und bis dahin jahrelang verbotene Studenten-Maifest wieder gefeiert werden durfte.
Offene Kritik an den Verhältnissen innerhalb der Gesellschaft war etwas später auf dem Schrifstellerkongress zu hören. Die ökonomische Lage des Landes verschlechterte sich, was u.a. auch die Prager Hochschulstudenten sozusagen am eigenen Leibe zu spüren bekamen. Nachdem man seit Beginn des neuen Schuljahres täglich den Strom im grössten Prager Studentenheim auf dem Strahov-Hügel aus Spargründen abgeschaltet hatte, riss an einem Dezemberabend der Geduldsfaden und die aufgebrachte Studentenmenge rollte in Richtung Stadtzentrum, wurde aber von Polizisten mit Knüppeln zurückgedrängt.
Jetzt war auch vielen Spitzenpolitikern klar, dass die Gesellschaft die Nase voll hatte von dem stalinistischen Modell des Sozialismus. Der damalige Parteichef und Präsident Antonin Novotny entsendet einen Hilferuf nach Moskau. Der KPdSU-Generalsekretär Leonid Breshnew kommt zwar im Dezember 67 nach Prag, doch greift er Novotny nicht - wie von ihm erwartet - unter die Arme.
Statt dessen sagt er zum Geschehen im Lande: Eto vasche delo - das ist eure Sache! Danach spricht man schon offen von Novotnys Rücktritt, zu dem es auch am 3. Januar 1968 kommt, und von dessen Nachfolger Alexander Dubcek. Der Prager Frühling 68 konnte beginnen.
Am 19. März kommen im historischen Altstädter Rathaus das Präsidium der Nationalversammlung und die Regierungsmitglieder zusammen, um die aktuelle Entwicklung zu analysieren und die bisherigen Deformationen endlich Mal beim richtigen Namen zu nennen. Die Auswirkung dieser Beratungen wurde noch durch den Druck der öffentlichen Meinung multipliziert. Die Konsequenz war das Rollen einiger ranghoher Köpfe wie z.B. die des obersten Gewerkschaftsbosses, des Parlamentsvorsitzenden, des Generalstaatsanwalts, des Innenministers und anderer. Am ersten Frühjahrstag, dem 21. März, trat auch Staatspräsident Antonin Novotny von seinem Amt zurück. Nun stand die Nation vor der Frage: Wer wird der neue Präsident sein? Es gab mehrere Kandidaten und noch mehr gewillte Personen, die aus der Parteispitze in den Sessel des Staatsoberhauptes übersatteln wollten. Die Wahl, über die nach Meinung vieler sowieso in Moskau entschieden worden sei, fiel letzten Endes auf Armeegeneral a.D. Ludvík Svoboda, der die rivalisierenden Interessengruppen wohl am wenigsten störte. Seine offizielle Wahl fand am 3O.März statt. Das Geschehen in der sich reformierenden Tschechoslowakei konnte natürlich nicht der Aufmerksamkeit der Kreml-Führung in Moskau entgehen, erweckte jedoch keinerlei Sympathien. Den orthodoxen Kommunisten mit Breshnew an der Spitze gelang es, ihre Position zu festigen, deshalb sahen sie im Prager Frühling hohe Gefahr für ihr gesamtes ostmitteleuropäisches Imperium. In Prag sieht man es jedoch anders. Das Verhalten der Menschen ändert sich schlagartig, mit Euphorie geniesst man hier neue Freiheiten und darunter auch die Tatsache, dass die hohe Politik, sprich hohe Politiker, nach über zwei Jahrzehnten von den Wolken auf die Erde, sozusagen unter die kleinen Leute auf der Strasse, heruntergekommen sind. Bei den niedagewesenen zahlreichen Treffen mit dem Volk reden sie Unerhörtes. So zum Beispiel Josef Smrkovsky bei einer Begegnung mit Jugendlichen:
"Ihr habt also gedacht, dass die Sowjetunion bestimmt, wie es bei uns in der Republik lang geht. Also wenn jemand noch so was denkt, dann kann ich euch, meine jungen Freunde, sagen, ihr täuscht euch schrecklich. Die Zeiten sind schon vorbei."
Mit anderen Worten brachte es der Schriftsteller Jan Procházka bei einem öffentlichen Auftritt zum Ausdruck:
"Die Leute ohne Gedanken, die die ganzen Jahre das Gehirn nur für eine zufällige Füllung des Kopfes hielten, haben alle Gedanken in diesem Lande unterdrückt. Die Situation ist jetzt so, dass hier tatsächlich Raum für einen freien Gedankenaustausch entstanden ist. Dieser wird meiner Meinung nach unserem Land sehr gut tun und ihm zeigen, in welche Richtung es gehen soll, um nach Europa zurückzukehren."
Für die Rückkehr nach Europa setzte der Wirtschaftsreformator Ota Sik ganz konkrete Zeithorizonte in Aussicht:
"Werden wir mit der konsequenten Realisierung des neuen Systems zur Lenkung der Wirtschaft beginnen, dann glaube ich, dass wir in zwei-drei Jahren das Niveau solcher Länder wie Österreich und ähnlicher Staaten erreichen können. Die höher entwickelten kapitalistischen Länder einzuholen - das wird höchstwahrscheinlich länger dauern."
Anfang April hat das Zentralkomitee der KPTsch ein Grundsatzdokument, und zwar das sogenannte Aktionsprogramm der Partei verabschiedet, das eine ganze Reihe von Massnahmen zur Förderung der Reformbewegung im Lande einschliesslich der Rehabilitierung der in den 5O-er Jahren in politischen Prozessen ungerecht verurteilten Personen in die Wege leiten sollte. Natürlich waren die Kommunisten daran interessiert, den ganzen Prozess in eigener Regie zu leiten und die Position der führenden Kraft im Lande zu behalten. Trotz fortschrittlicher Elemente im Inhalt war das Dokument ein Beweis dafür, dass die kommunistische Partei nicht in der Lage war, den Panzer ihrer totalitären Substanz zu sprengen.

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