Die Auslandssendungen des Tschechischen Rundfunks 
25-5-2016, 14:48 UTC
Thema

Vaclav Havel

 Autor:
Schriftsteller und Dramatiker,
Dissident und Sprecher der "Charta 77",
führende Persönlichkeit im Zuge der politischen Wende 1989,
letzter Präsident der Tschechoslowakei,
erster Präsident der Tschechischen Republik
Vaclav HavelVaclav Havel



Václav Havel wurde am 5. Oktober 1936 geboren. Er wuchs in einer bekannten intellektuellen Prager Unternehmerfamilie auf, die eine bedeutende Rolle im kulturellen und politischen Geschehen der Zwischenkriegszeit spielte. Seiner "bourgeoisen" Herkunft wegen konnte Havel unter der kommunistischen Herrschaft nur auf Umwegen höhere Bildung erlangen. Von 1951 an absolvierte er eine Lehre als Chemielaborant und nebenher holte er an einem Abendgymnasium 1954 das Abitur nach. Im Anschluss daran studierte er Wirtschaft an der Technischen Hochschule in Prag, die er jedoch nach zwei Jahren verließ. 1966 beendete er ein Fernstudium im Fach Dramaturgie an der Prager Theaterakademie.
Vaclav und Olga HavelVaclav und Olga Havel
Havels Interesse konzentrierte sich jedoch schon in den 50er Jahren auf Theater und Literatur. Von 1960 bis 1968 arbeitete er am Prager "Divadlo na zabradli" ("Theater am Geländer") zunächst als Bühnentechniker, später als Dramaturg und Hausautor. Mit den Stücken "Das Gartenfest" und "Die Benachrichtigung" wurden dort Havels Satiren aufgeführt, in denen er mit den Mitteln des absurden Theaters und der Groteske arbeitete. Die Gefahren totalitärer Machtansprüche für Staat und Individuum blieben das zentrale Thema seines Schaffens.
Vaclav Havel im Jahre 1975, Bierbrauerei in Trutnov (Foto: CTK)Vaclav Havel im Jahre 1975, Bierbrauerei in Trutnov (Foto: CTK)
1965 wurde Havel Mitglied des Redaktionsrates der Monatszeitschrift "Tvár" ("Antlitz"). Während des "Prager Frühlings" 1968 war er Vorsitzender des "Klubs unabhängiger Schriftsteller" und entwickelte sich zum prominentesten und konsequentesten Wortführer der nichtkommunistischen Intellektuellen, die den von Dubcek eingeleiteten Reformprozess unterstützten, ohne die Illusionen über dessen Chancen zu teilen.
Disidenten, 1989 (Foto: CTK)Disidenten, 1989 (Foto: CTK)
Nach der Okkupation durch die Truppen des Warschauer Pakts im August 68 wiedersetzte sich Havel der kommunistischen Gleichschaltung und erhielt Publikationsverbot. Er verließ Prag und ließ sich in einem abgelegenen Bauernhaus auf dem Lande nieder. In den 70er Jahren übte er eine aktive kulturpolitische Oppositionstätigkeit aus. Im Januar 1977 wurde er Mitbegründer und einer der ersten Sprecher der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung "Charta 77". 1979 beteiligte er sich an der Gründung des "Komitees für die Verteidigung zu Unrecht Verfolgter". Wegen seiner Aktivitäten wurde Havel dreimal inhaftiert und verbrachte insgesamt 5 Jahre hinter Gittern.
Als am 17. November 1989 die Studentendemonstration in Prag die "samtene Revolution" und einen Prozess dramatischer politischer Veränderungen in der Tschechoslowakei einleitete, war Havel längst zur Symbolfigur des gewaltlosen Widerstands aufgestiegen. Am 19. November wurde er zum Vorsitzenden des neugegründeten "Bürgerforums" (Obcanske forum, OF) gewählt, und im Dezember von der neuen tschechoslowakischen Regierung für das Amt des Staatsoberhauptes nominiert. "Havel na Hrad!" - "Havel auf die Burg!" hatten die Menschen in den Straßen skandiert, bevor Vaclav Havel am 29. Dezember 1989 ohne Gegenkandidaten einstimmig zum ersten demokratisch gewählten Staatspräsidenten der Nachkriegstschechoslowakei bestimmt wurde. Zum zweiten Mal wurde er von der neuen Föderalversammlung am 5. Juli 1990 gewählt. Er galt als moralische Autorität und respektierte Persönlichkeit und erfreute sich in jener Zeit einer - in der Politik - ungewöhnlichen Popularität.
Während dieser zweiten Amtsperiode als Staatsoberhaupt der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik - so der neue Name des Staates - vermehrten sich jedoch Auseinandersetzungen und Kontroversen zwischen den Tschechen und den Slowaken. Havels Versuche, die Föderation zu erhalten, waren erfolglos. Am 3. Juli 1992 sollte Havel als Staatspräsident wiedergewählt werden, scheiterte jedoch an der Sperrminorität slowakischer Abgeordneter. Nachdem am 17. Juli das slowakische Parlament die Souveränität der Slowakischen Republik proklamiert hatte, trat er am 20. August 1992 vorzeitig von seinem Amt als Staatspräsident zurück.
Zum Jahresende 1992 wurde die Föderation aufgelöst und am 26. Januar 1993 wurde Havel zum ersten Staatsoberhaupt der selbstständigen Tschechischen Republik gewählt. In einer schwierigen innenpolitischen Lage wurde diese Wahl fünf Jahre später, am 20. Januar 1998, erneut bestätigt.
Havels literarisches und dramatisches Werk sowie sein lebenslanges Streben nach der Erhaltung der Menschenrechte wurde mit einer Reihe von staatlichen Auszeichnungen, internationalen Preisen und Ehrendoktortiteln gewürdigt. Während seine Popularität im Inland unter den Schwierigkeiten der gesellschaftlichen Transformation und den allgemeinen innenpolitischen Spannungen in den langen Jahren seiner Präsidentschaft zunehmend litt, ist sein Ansehen im Ausland ungebrochen. Dort ist er - nicht nur für Politiker - nach wie vor die zentrale Symbolfigur der politischen Umwälzungen in Osteuropa seit dem Ende der achtziger Jahre.
So gilt es etwa allgemein als Havels Verdienst, dass im November 2002 der als historisch bezeichnete Erweiterungsgipfel der NATO in Prag abgehalten wurde. Auf internationaler Ebene kommt dies - kurz vor dem Ende seiner Amtszeit - der Krönung seiner politischen Karriere gleich. Allerdings war Havels Haltung gegenüber dem Nordatlantischen Verteidigungsbündnis nicht immer eindeutig positiv gewesen. Auch nach der Wende des Jahres 1989 sprach er sich noch für ein blockfreies Europa aus. Im Laufe der Zeit aber änderte sich die Stimmung im Land, die Sicherheit für die Zukunft suchte man immer mehr in der Integration in transnationale Strukturen, und auch Václav Havel befürwortete letztlich den 1999 vollzogenen NATO-Beitritt der Tschechischen Republik.
Der im Dezember 2002 abgehaltene EU-Gipfel von Kopenhagen legte auch den Grundstein zur Eingliederung Tschechiens in die Europäische Union. Die weiteren Schritte auf dem Weg zum EU-Beitritt seines Landes wird Václav Havel aber nicht mehr als aktiver Präsident mitgestalten. Sein Mandat läuft Am 2. Februar ab, laut Verfassung kann er nicht nochmals für das höchste Amt im Staat kandidieren.
Die Diskussionen im Vorfeld der Wahl von Havels Nachfolger drehen sich in erster Linie um das Amtsverständnis sowie um den Wahlmodus selbst. Was die Vollmachten des Präsidenten betrifft, so waren in letzter Zeit vermehrt Stimmen laut geworden, die deren künftige Einschränkung fordern. Viele meinen aber dennoch, dass die realen Kompetenzen des Staatsoberhauptes nicht zu groß und dem höchsten Amt im Staat durchaus angemessen seien. Bezüglich des Wahlmodus herrscht sowohl bei der Bevölkerung als auch bei den meisten Politikern die Ansicht vor, der Präsident solle direkt vom Volk gewählt werden, und nicht - wie derzeit - von beiden Kammern des Parlaments. Für einen solchen Schritt wären aber erst eine Verfassungsänderung und diverse Begleitgesetze nötig.
Die Wahl des neuen Präsidenten bedeutet für die Tschechische Republik in jedem Fall eine Zäsur. Václav Havel ist das längst dienende Staatsoberhaupt Europas. Als solches hat er sein Land mehr als dreizehn Jahre lang in seiner demokratischen Entwicklung begleitet, und in vielen Teilen der Welt verbindet man mit seinem Namen in erster Linie moralische Integrität, gepaart mit einem Sinn für globale Zusammenhänge über das politische Tagesgeschäft hinaus.
Was seinen Nachfolger betrifft, so hat Havel in seiner diesjährigen und letzten Neujahrsansprache wieder auf die Verantwortung derer hingewiesen, die ihn einst, im Jahr 1989, zu ihrem Präsidenten gemacht hatten. Nämlich die Bürgerinnen und Bürger des Landes, ohne deren Unterstützung, so Havel, auch der beste Präsident nichts vollbringen könne.
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