
Václav Havel wurde am 5. Oktober 1936 geboren. Er wuchs in einer bekannten
intellektuellen Prager Unternehmerfamilie auf, die eine bedeutende Rolle im
kulturellen und politischen Geschehen der Zwischenkriegszeit spielte. Seiner
"bourgeoisen" Herkunft wegen konnte Havel unter der kommunistischen
Herrschaft nur auf Umwegen höhere Bildung erlangen. Von 1951 an absolvierte
er eine Lehre als Chemielaborant und nebenher holte er an einem
Abendgymnasium 1954 das Abitur nach. Im Anschluss daran studierte er
Wirtschaft an der Technischen Hochschule in Prag, die er jedoch nach zwei
Jahren verließ. 1966 beendete er ein Fernstudium im Fach Dramaturgie an der
Prager Theaterakademie.
 Vaclav und Olga Havel
Havels Interesse konzentrierte sich jedoch schon in den 50er Jahren auf
Theater und Literatur. Von 1960 bis 1968 arbeitete er am Prager "Divadlo na
zabradli" ("Theater am Geländer") zunächst als Bühnentechniker, später als
Dramaturg und Hausautor. Mit den Stücken "Das Gartenfest" und "Die
Benachrichtigung" wurden dort Havels Satiren aufgeführt, in denen er mit den
Mitteln des absurden Theaters und der Groteske arbeitete. Die Gefahren
totalitärer Machtansprüche für Staat und Individuum blieben das zentrale
Thema seines Schaffens.
 Vaclav Havel im Jahre 1975, Bierbrauerei in Trutnov (Foto: CTK)
1965 wurde Havel Mitglied des Redaktionsrates der Monatszeitschrift "Tvár"
("Antlitz"). Während des "Prager Frühlings" 1968 war er Vorsitzender des
"Klubs unabhängiger Schriftsteller" und entwickelte sich zum prominentesten
und konsequentesten Wortführer der nichtkommunistischen Intellektuellen, die
den von Dubcek eingeleiteten Reformprozess unterstützten, ohne die
Illusionen über dessen Chancen zu teilen.
 Disidenten, 1989 (Foto: CTK)
Nach der Okkupation durch die Truppen des Warschauer Pakts im August 68
wiedersetzte sich Havel der kommunistischen Gleichschaltung und erhielt
Publikationsverbot. Er verließ Prag und ließ sich in einem abgelegenen
Bauernhaus auf dem Lande nieder. In den 70er Jahren übte er eine aktive
kulturpolitische Oppositionstätigkeit aus. Im Januar 1977 wurde er
Mitbegründer und einer der ersten Sprecher der Menschen- und
Bürgerrechtsbewegung "Charta 77". 1979 beteiligte er sich an der Gründung
des "Komitees für die Verteidigung zu Unrecht Verfolgter". Wegen seiner
Aktivitäten wurde Havel dreimal inhaftiert und verbrachte insgesamt 5 Jahre
hinter Gittern.
Als am 17. November 1989 die Studentendemonstration in Prag die "samtene
Revolution" und einen Prozess dramatischer politischer Veränderungen in der
Tschechoslowakei einleitete, war Havel längst zur Symbolfigur des
gewaltlosen Widerstands aufgestiegen. Am 19. November wurde er zum
Vorsitzenden des neugegründeten "Bürgerforums" (Obcanske forum, OF) gewählt,
und im Dezember von der neuen tschechoslowakischen Regierung für das Amt des
Staatsoberhauptes nominiert. "Havel na Hrad!" - "Havel auf die Burg!" hatten
die Menschen in den Straßen skandiert, bevor Vaclav Havel am 29. Dezember
1989 ohne Gegenkandidaten einstimmig zum ersten demokratisch gewählten
Staatspräsidenten der Nachkriegstschechoslowakei bestimmt wurde. Zum zweiten
Mal wurde er von der neuen Föderalversammlung am 5. Juli 1990 gewählt. Er
galt als moralische Autorität und respektierte Persönlichkeit und erfreute
sich in jener Zeit einer - in der Politik - ungewöhnlichen Popularität.
Während dieser zweiten Amtsperiode als Staatsoberhaupt der Tschechischen und
Slowakischen Föderativen Republik - so der neue Name des Staates -
vermehrten sich jedoch Auseinandersetzungen und Kontroversen zwischen den
Tschechen und den Slowaken. Havels Versuche, die Föderation zu erhalten,
waren erfolglos. Am 3. Juli 1992 sollte Havel als Staatspräsident
wiedergewählt werden, scheiterte jedoch an der Sperrminorität slowakischer
Abgeordneter. Nachdem am 17. Juli das slowakische Parlament die Souveränität
der Slowakischen Republik proklamiert hatte, trat er am 20. August 1992
vorzeitig von seinem Amt als Staatspräsident zurück.
Zum Jahresende 1992 wurde die Föderation aufgelöst und am 26. Januar 1993
wurde Havel zum ersten Staatsoberhaupt der selbstständigen Tschechischen
Republik gewählt. In einer schwierigen innenpolitischen Lage wurde diese
Wahl fünf Jahre später, am 20. Januar 1998, erneut bestätigt.
Havels literarisches und dramatisches Werk sowie sein lebenslanges Streben
nach der Erhaltung der Menschenrechte wurde mit einer Reihe von staatlichen
Auszeichnungen, internationalen Preisen und Ehrendoktortiteln gewürdigt.
Während seine Popularität im Inland unter den Schwierigkeiten der
gesellschaftlichen Transformation und den allgemeinen innenpolitischen
Spannungen in den langen Jahren seiner Präsidentschaft zunehmend litt, ist
sein Ansehen im Ausland ungebrochen. Dort ist er - nicht nur für Politiker -
nach wie vor die zentrale Symbolfigur der politischen Umwälzungen in
Osteuropa seit dem Ende der achtziger Jahre.
So gilt es etwa allgemein als Havels Verdienst, dass im November 2002 der
als historisch bezeichnete Erweiterungsgipfel der NATO in Prag abgehalten
wurde. Auf internationaler Ebene kommt dies - kurz vor dem Ende seiner
Amtszeit - der Krönung seiner politischen Karriere gleich. Allerdings war
Havels Haltung gegenüber dem Nordatlantischen Verteidigungsbündnis nicht
immer eindeutig positiv gewesen. Auch nach der Wende des Jahres 1989 sprach
er sich noch für ein blockfreies Europa aus. Im Laufe der Zeit aber änderte
sich die Stimmung im Land, die Sicherheit für die Zukunft suchte man immer
mehr in der Integration in transnationale Strukturen, und auch Václav Havel
befürwortete letztlich den 1999 vollzogenen NATO-Beitritt der Tschechischen
Republik.
Der im Dezember 2002 abgehaltene EU-Gipfel von Kopenhagen legte auch den
Grundstein zur Eingliederung Tschechiens in die Europäische Union. Die
weiteren Schritte auf dem Weg zum EU-Beitritt seines Landes wird Václav
Havel aber nicht mehr als aktiver Präsident mitgestalten. Sein Mandat läuft
Am 2. Februar ab, laut Verfassung kann er nicht nochmals für das höchste Amt
im Staat kandidieren.
Die Diskussionen im Vorfeld der Wahl von Havels Nachfolger drehen sich in
erster Linie um das Amtsverständnis sowie um den Wahlmodus selbst. Was die
Vollmachten des Präsidenten betrifft, so waren in letzter Zeit vermehrt
Stimmen laut geworden, die deren künftige Einschränkung fordern. Viele
meinen aber dennoch, dass die realen Kompetenzen des Staatsoberhauptes nicht
zu groß und dem höchsten Amt im Staat durchaus angemessen seien. Bezüglich
des Wahlmodus herrscht sowohl bei der Bevölkerung als auch bei den meisten
Politikern die Ansicht vor, der Präsident solle direkt vom Volk gewählt
werden, und nicht - wie derzeit - von beiden Kammern des Parlaments. Für
einen solchen Schritt wären aber erst eine Verfassungsänderung und diverse
Begleitgesetze nötig.
Die Wahl des neuen Präsidenten bedeutet für die Tschechische Republik in
jedem Fall eine Zäsur. Václav Havel ist das längst dienende Staatsoberhaupt
Europas. Als solches hat er sein Land mehr als dreizehn Jahre lang in seiner
demokratischen Entwicklung begleitet, und in vielen Teilen der Welt
verbindet man mit seinem Namen in erster Linie moralische Integrität,
gepaart mit einem Sinn für globale Zusammenhänge über das politische
Tagesgeschäft hinaus.
Was seinen Nachfolger betrifft, so hat Havel in seiner diesjährigen und
letzten Neujahrsansprache wieder auf die Verantwortung derer hingewiesen,
die ihn einst, im Jahr 1989, zu ihrem Präsidenten gemacht hatten. Nämlich
die Bürgerinnen und Bürger des Landes, ohne deren Unterstützung, so Havel,
auch der beste Präsident nichts vollbringen könne.
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